Gamen im Seniorenheim

Auch der Austausch der Seniorinnen und Senioren untereinander wird durch das gemeinsame Spielen gefördert. (Bild: Susanne von Arb)

Gamen im Seniorenheim

Computerspiele machen nicht nur Jugendlichen Spass, sondern auch Seniorinnen und Senioren – und können dabei noch positive Effekte haben. Das Projekt «Myosotis» der FHNW entwickelt neue, altersgerechte Spiele.

«Nein, dafür habe ich jetzt keine Zeit», erwidert Esther auf die Frage, ob sie etwas trinken möchte. Konzentriert schaut die Seniorin auf den Bildschirm des Tablets, das vor ihr auf dem Tisch liegt. Bei dem Spiel, das sie spielt, gilt es, farbige Punkte miteinander zu verbinden, ohne dass die Verbindungslinien einander überschneiden. Esther schafft die Aufgabe im ersten Anlauf. Level 27 ist damit geschafft und es geht gleich weiter zum nächsten Level. Vom Tisch nebenan erschallt Gelächter. Zwei betagte Herren und zwei Studenten sitzen um ein Tablet herum und versuchen, einander in einer virtuellen Oper das Rampenlicht zu stehlen. Dieser Spielenachmittag, der regelmässig in der Sanavita in Windisch stattfindet, ist Teil des FHNW-Projekts «Myosotis», der botanische Name für das Blümchen Vergissmeinnicht. Ziel des Projektes ist es, mithilfe von altersgerechten Computerspielen die Kommunikation zwischen betagten Menschen untereinander sowie mit ihren Angehörigen zu fördern.

Personalisierte Computerspiele

Die Idee, mit Seniorinnen und Senioren zu «gamen», kam Bettina Wegenast, als ihre Schwiegermutter nach einem Sturz in ein Pflegeheim umziehen musste. Die Besuche im Heim empfand die Geschäftsführerin der Fabelfabrik GmbH, einem Zentrum für angewandtes Computerspiel, als frustrierend: Der Gesprächsstoff ging schnell aus und andere Beschäftigungsmöglichkeiten gab es kaum. Auch das Spielen von Karten- und Brettspielen gestaltete sich wegen der vielen Regeln und der kleinen Einzelteile schwierig. Deshalb begann die Gamedesignerin, bei den Besuchen ihr iPad mitzunehmen und mit ihrer Schwiegermutter einfache Spiele zu spielen. Kinderspiele eigneten sich dank ihrer Einfachheit zwar grundsätzlich gut, das Design war aber häufig zu kindlich und es gab keine Steigerung der Schwierigkeit. Also beschloss Wegenast, ein neues Spiel zu entwickeln und wandte sich dafür an Marco Soldati vom Institut für Data Science an der Hochschule für Technik FHNW. «Seit wir das Projekt 2015 ins Leben gerufen haben, haben Studierende und Lernende rund 20 Prototypen von Spielen entwickelt», erzählt der Informatikingenieur. Viele der Games sind personalisierbar: Beim «Eile mit Weile» wird ein Bild aufgedeckt, wenn die Spielfigur auf ein bestimmtes Feld kommt, oder ein Familienfoto wird zum Wimmelbild, auf dem nach Gegenständen gesucht werden muss. So bleibt den Seniorinnen und Senioren die Gelegenheit, Geschichten zu erzählen und in Erinnerungen zu schwelgen, ohne dass bei jedem Besuch das gleiche Fotoalbum durchgeblättert wird. Möglich macht dies ein digitales Archiv, in das alle Familienmitglieder Fotos hochladen können, die dann in die Spiele eingebettet werden. 

Die Computerspiele für Seniorinnen und Senioren sind einfach und verständlich konzipiert. (Bild: Thierry Corbat)

Einfluss von Ästhetik

«Myosotis-Garden», das Folgeprojekt von «Myosotis», ist eines der Projekte der Strategischen Initiativen der FHNW. Diese haben zum Ziel, die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu fördern und damit Lösungsbeiträge für aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen zu finden, in diesem Falle die immer älter werdende Gesellschaft (siehe Infobox). An «Myosotis-Garden» sind neben der Hochschule für Technik FHNW auch die Hochschulen für Musik, Angewandte Psychologie sowie Gestaltung und Kunst FHNW beteiligt. «Bei einem Computerspiel ist nicht nur die Technik wichtig, auch gestalterische und psychologische Aspekte müssen beachtet werden», erklärt Soldati, Leiter des Projekts. Ein Forschungsschwerpunkt von «Myosotis-Garden» liegt darin, herauszufinden, wie die Ästhetik des Games das gesamte Spielerlebnis beeinflusst. Um das zu erforschen, entwickeln Fachleute der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW und der Hochschule für Musik FHNW verschiedene Designs für ein Spiel. Welches Design bei der Zielgruppe am besten ankommt, erforschen dann Psychologinnen und Psychologen in Praxistests. Ein weiteres Ziel von «Myosotis-Garden» ist es, eines oder mehrere Spiele so weit zu entwickeln, dass es im App-Store für jeden erhältlich ist. Bereits jetzt wird eine regelmässig aktualisierte Demoversion eines Spieles im Rahmen der Ausstellung «Play» des Stadtmuseums Aarau ausgestellt und kann dort getestet werden.

Zweifel verfliegen schnell

Die Seniorinnen und Senioren reagieren anfangs häufig etwas skeptisch auf die Idee, ein Computergame zu spielen. «Ich kann das nicht» oder «Dafür bin ich zu alt» sind Sätze, die Soldati oft zu hören bekommt. Diese Zweifel verfliegen in den meisten Fällen aber schnell, denn verlieren kann bei den Spielen niemand. Schwieriger sei es hingegen, Angehörige zu finden, die an den Spielenachmittagen teilnehmen und ihre persönlichen Familienfotos in das Archiv hochladen wollen. «Computerspiele haben bei vielen Leuten einen schlechten Ruf, die meisten denken als Erstes an Baller-Games», sagt Soldati. Von derartigen Spielen jedoch ist in der Cafeteria des Pflegezentrums keine Spur zu finden. Stattdessen kochen die Bewohnerinnen und Bewohner am iPad Fondue mit allerlei ungewöhnlichen Zutaten oder sie spielen mit einem blauen Monster, das nachplappert, was sie sagen, kitzlig ist und laut schmatzend Sandwiches vertilgt. «Danke, dass ihr mit mir gespielt habt», sagt Esther am Ende des Spielenachmittags, bevor eine Pflegerin sie zurück in ihr Zimmer begleitet. «Bis zum nächsten Mal.»


Unsere alternde Gesellschaft

Steigende Lebenserwartung, rückgängige Geburtenzahlen und eine ganze Menge Babyboomer, die bald ins Rentenalter kommen: All das sind Gründe dafür, dass das Durchschnittsalter der Menschen in der Schweiz immer höher wird. Ein Bericht des Bundesamts für Statistik (BFS) aus dem Jahre 2015 präsentiert ein Szenario, in dem im Jahr 2045 rund 26 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sind – 2015 waren es noch 18 Prozent. Auch die Anzahl der über 80-Jährigen wird gemäss dem Szenario stark steigen: Von knapp 420'000 im Jahr 2015 auf 1.06 Millionen im 2045. Die sogenannte demografische Alterung – die Abnahme der Anzahl von Kindern und Jugendlichen und die Erhöhung des Anteils der älteren Bevölkerung – wird die Schweiz vor vielschichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen stellen, beispielsweise in der Altersvorsorge und im Bereich der Pflege betagter Menschen.