Migrantinnen und Migranten lernen mit Videos, sich zu bewerben

Die berufliche Integration und der Bewerbungsprozess sind für Migrantinnen und Migranten oft eine Herausforderung. Interaktive Lehrvideos sollen dabei Unterstützung bieten. (Bild: istock.com/monkeybusinessimages)

Migrantinnen und Migranten lernen mit Videos, sich zu bewerben

Der Kanton Wallis will die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten fördern. Expertinnen und Experten der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW unterstützen ihn mit ihrem Fachwissen.

Die 23-jährige Danait stammt aus dem Irak und lebt seit zwei Jahren in Visp im Kanton Wallis. Ihr Traum ist eine Pflegeausbildung. Der 24-jährige Eritreer Hasan hat in der Schweiz bereits eine Lehre als Automechaniker absolviert. Nun sucht er eine Stelle. Wie sollen die beiden vorgehen? Selbst für hier aufgewachsene Personen ist eine Bewerbung nicht einfach. Kommen aber noch sprachliche und kulturelle Hürden dazu, wird die Angelegenheit ungleich schwieriger.

Danait und Hasan sind Figuren aus einem neuen Lehrfilm. Um Menschen wie sie bei der Arbeitssuche zu unterstützen, arbeitet der Kanton Wallis mit der FHNW zusammen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts untersucht ein Team der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW, wie eigens dafür erstellte Lehrvideos Migrantinnen und Migranten den hierzulande üblichen Bewerbungsprozess vermitteln können. Da in persönlichen Beratungsgesprächen häufig die Zeit fehlt, um alles detailliert zu erklären, und zudem häufig Sprachbarrieren die Beratung erschweren, kam man auf das Format von Videos. Die interaktiven Filme sollen den verschiedenen Stellen und Ämtern zur Verfügung stehen, die mit Migranten und Migrantinnen arbeiten. Nebst den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren RAV ist zum Beispiel auch der Asylbereich interessiert. 

Spezifisches Angebot für Migrantinnen und Migranten

Fachleute sind sich einig, sagt Co-Projektleiterin Magdalena Mateescu, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW: Die Integration von Personen mit Migrationshintergrund ist nicht nur für die Betroffenen selbst wichtig, sondern auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Schweiz. 

Die Lehrvideos, die im Kanton Wallis zum Einsatz kommen, sind ein Puzzleteil des kantonalen Integrationsprogramms. Am Anfang des Forschungsprojekts, das im September 2017 gestartet wurde und demnächst abgeschlossen wird, stand eine detaillierte Analyse der Bedürfnisse sowie der bereits vorhandenen Angebote. «Im Internet finden sich diverse Anleitungen für Bewerbungen, jedoch keine, die spezifisch auf die Situation von Migrantinnen und Migranten zugeschnitten sind», sagt Co-Projektleiterin Mateescu. Das Forschungsteam führte deshalb Gespräche mit Vertretern des RAV und organisierte einen Workshop mit einer Integrationsklasse in Visp, in der sich Jugendliche auf das Erwerbsleben vorbereiten.

Entstanden sind in der Folge bislang sechs Videos, die den vollständigen Bewerbungsprozess von der Selbstreflexion über die Stellensuche bis zum Zusammenstellen eines Dossiers erläutern und vertieft auf die Gestaltung des Lebenslaufs und des Begleitbriefes eingehen. Eingebettet sind Übungen, bei denen die Nutzer das Video stoppen und selbst aktiv werden können. Zudem sind zahlreiche Links zu Stellenportalen und anderen nützlichen Webseiten enthalten.

«Die Integration von Migrantinnen und Migranten ist nicht nur für die Betroffenen selbst wichtig, sondern auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Schweiz.»

Vorbilder wirken motivierend

Zum Medium Video habe man gegriffen, sagt Projektleiterin Carmen Zahn, weil man mit animierten Bildern komplexe Abläufe wie etwa den Bewerbungsprozess sichtbar machen könne. Der Kommunikationsprozess falle mit einer Kombination von Video und Audio leichter, erklärt die Professorin für Medienpsychologie. So bediene man neben der kognitiven Wissensvermittlung auch die emotionale Ebene. In den Videos zum Beispiel begleiten die gezeichneten Figuren Danait und Hasan die Nutzenden durch den Prozess. «Je ähnlicher das Vorbild, desto grösser die Identifikation und somit auch der Lerneffekt», führt Zahn aus. Demnächst sollen die Videos auch auf YouTube zur Verfügung stehen und handytauglich werden, um die hohe Affinität Jugendlicher zum Smartphone zu nutzen.

Zuerst aber wollen die Projektleiterinnen die Videos in der Visper Integrationsklasse einsetzen und gegebenenfalls optimieren. Sind die definitiven Versionen einmal in Gebrauch, möchten sie die Forscherinnen der FHNW auch für weitere Studien nutzen, erklärt Magdalena Mateescu. Zum Beispiel interessiert sie, wie sich verschiedene Stimmen und die Sprechgeschwindigkeit auf den Lerneffekt auswirken. Als gebürtige Rumänin stand sie vor einigen Jahren selber vor der Aufgabe, in der Schweiz eine Stelle zu finden. «Das war eine Herausforderung», blickt die Wissenschaftlerin zurück. «Mir hätten solche Videos definitiv geholfen.»