Ein Haus grenzenloser Kunst

Das Künstlerhaus Boswil war schon vieles: ein Heim für alternde Künstlerinnen und Künstler, ein Treffpunkt für Pioniere der Neuen Musik, ein Begegnungsort zwischen Ost und West während des Kalten Krieges – und sogar ein Schlupfloch für Flüchtende. Davon zeugt das umfangreiche Archiv des Künstlerhauses. Das Material wird nun erstmals systematisch untersucht.

«Boswil ist der Ort, das Neue zu versuchen, ohne vorschnell nach dem Gelingen zu fragen», schrieb Günter Grass im Jahr 1966 ins Stammbuch des Künstlerhauses Boswil. Der spätere Literatur-Nobelpreisträger gehörte zu jenen, die sich bei seinen Besuchen im Aargauer 2300-Seelen-Dorf inspirieren liessen und andere inspirierten. Grass experimentierte hier zusammen mit Musikerinnen und Musikern, verknüpfte Literatur und Musik. Und er initiierte so, ohne es zu wissen, die Entwicklung des ehemaligen Boswiler Pfarrhauses zum Zentrum für zeitgenössische Musik.

«In Boswil war etwas damals Neues zu erleben», sagt Musikwissenschaftler Thomas Meyer. Zeitungen schrieben von «ursprünglichen und reissenden künstlerischen Strömungen». Das ist im Archiv des Künstlerhauses dokumentiert, welches Meyer zurzeit im Rahmen eines Projekts der Musikhochschulen FHNW durchstöbert und analysiert. Zu entdecken gibt es hier sechs Jahrzehnte Musikgeschichte: Briefe, Fotos, Tonbandaufnahmen, Zeitungsberichte, Sitzungsprotokolle, Musikpartituren. Sie zeugen davon, welche Künstlerinnen und Künstler Boswil besuchten, was für Musik sie kreierten, wie sie sich an diesem Ort fühlten. Zusätzlich führt Meyer Interviews mit Musikern und Komponisten, die damals in Boswil tätig waren. So rekonstruiert er nach und nach die Geschichte der Institution. Und zeigt nicht zuletzt auf, wie sie während des Kalten Krieges zur Drehscheibe zwischen West und Ost wurde.

Fenster zum Osten

Denn nach dem Besuch von Günter Grass gewann das Künstlerhaus immer mehr an internationaler Ausstrahlung. An die Tagungen, Kurse und Wettbewerbe luden die Veranstalter auch immer wieder Künstlerinnen und Künstler aus dem Ostblock ein – aus der damaligen DDR, aus Ungarn oder Polen. Dies zu einer Zeit, in der die beiden Welten, West und Ost, strikt getrennt waren.

«Für die Musiker aus dem Osten war es nicht einfach, eine Ausreiseerlaubnis zu erhalten», fand Thomas Meyer in der umfangreichen Korrespondenz, die er im Archiv aufarbeitet. «Einigen schickten die Betreiber des Künstlerhauses jedes Jahr eine Einladung, doch der Staat liess sie nie ausreisen.» Andere erhielten die Erlaubnis, nach Boswil zu reisen – und nutzten diese zur Flucht. Etwa der ostdeutsche Komponist Wilfried Jentzsch. Beim ersten Aufenthalt in Boswil bereitete er seine Flucht mit Frau und Kindern vor. Nach dem zweiten Besuch ging er nicht mehr zurück.

Die meisten Ost-Musikerinnen und -Musiker aber genossen es einfach, ihrer Isolation im Osten für kurze Zeit entfliehen zu können. «Sie haben in der Schweiz an der Freiheit geschnuppert», sagt Thomas Meyer. Sie wurden in Boswil aufgenommen wie in einer Familie und genossen die hier gelebte Toleranz.
Meyers Forschungsarbeit im Archiv des Künstlerhauses, die von der Stiftung FHNW gefördert wird, ist noch längst nicht abgeschlossen und dürfte noch viel Spannendes enthüllen –, was Musik angeht oder Weltpolitik.

Die Geschichte des Künstlerhauses

Seit über hundert Jahren sind die alte Kirche und das Künstlerhaus in Boswil ein Ort der Kultur. Zunächst diente die Kirche während 40 Jahren einem Glasmaler als Atelier. Im Jahr 1952 wurde sie verkauft an die neugegründete Stiftung «Alte Kirche Boswil». Diese richtete im Pfarrhaus ein Heim für alternde und mittellose Künstler ein – Musikerinnen und Musiker, Maler, aber auch ein Regisseur und eine Tänzerin gehörten zu den ersten Bewohnern. Um das Heim zu unterstützen, gaben das Zürcher Kammerorchester und das Tonhalle-Orchester Benefizkonzerte, bei welchen berühmte Künstlerinnen und Künstler mitwirkten. Dadurch etablierte sich Boswil als Konzertort. Ab den 1960ern veranstaltete die Stiftung zudem internationale Tagungen sowie Kompositionswettbewerbe und -kurse. Heute ist Boswil ein wichtiger Veranstaltungsort für klassische Konzerte – und mit den noch immer angebotenen Kursen eine Schule für Nachwuchskomponistinnen und -komponisten.