Kann Design neutral sein?

«Ich habe ansatzweise erfahren, wie abhängig oder ausgeschlossen jemand sich fühlen kann.» Studentin Valentina Kobi legte all die Dinge, die ihr Zugang zur Hochschule ermöglichen, in eine Vitrine und war damit ständig auf die Hilfe anderer angewiesen. (Bild: Alena Halmes)

Kann Design neutral sein?

Häuser, Möbel und Gebrauchs­gegenstände widerspiegeln ihre Gestalter. Die sind häufig männlich und stammen aus westlichen Kulturen. Studierende der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW setzen sich kritisch mit Werten und Strukturen auseinander, welche Designs prägen.


Eine Bankkarte, ein Pass, ein Maturitätszeugnis, verschiedene Schlüssel, Campuscard und ein Ladekabel. Was will diese Ansammlung von Gegenständen in einer Vitrine aussagen? Im Herbst 2018 war sie Teil einer Ausstellung im Foyer der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW in Basel. Im Rahmen ihres Bachelorstudiums in Prozessgestaltung hat sich Valentina Kobi auf diese Weise damit beschäftigt, welche Voraussetzungen Menschen den Zugang zu einer Hochschule ermöglichen und welche sie ausschliessen.

«Jede Art von Gestaltung ist politisch.»


Laura Pregger, Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW

Im Seminar «Imagining Otherwise: Body, Object, Space» hatten sich die Studierenden zuvor mit den patriarchalen, kolonialen und anderen unterdrückenden Strukturen befasst, von denen Design häufig beeinflusst wird. «Neutrales Design ist ein Mythos», stellt Dozentin Maya Ober klar. «Die Designgeschichte haben mehrheitlich Männer aus dem globalen Norden geschrieben.» Sie würden die Definition guten Designs bestimmen und ihre Sprache gelte gemeinhin als universelle Wahrheit. «Wieso wird das Schaffen von Frauen für den häuslichen Kontext – zum Beispiel Keramik oder Textilgestaltung – eher als Handwerk kategorisiert und nicht als Design?», fragt die Industriedesignerin. Nur schon die Adjektive weiblich, lokal oder traditionell, wie sie häufig im Zusammenhang mit Architektur vorkommen, würden darauf hinweisen, dass es sich um eine Abweichung von der Norm handle.

Gestaltung ist immer politisch

Gerade zum diesjährigen 100-Jahr-Jubiläum des weit verbreiteten Bauhausstils sei es höchste Zeit für eine kritische Reflexion, findet Ober. Die nüchtern-kubische Architektur habe Schnörkel und Ornamente weitgehend verdrängt. Sogar Hochschulen in Lateinamerika, Afrika oder Asien seien von der westlichen Bauhausideologie geprägt worden.

«Wieso wird das Schaffen von Frauen für den häuslichen Kontext eher als Handwerk kategorisiert und nicht als Design?»


Maya Ober, Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW

Die Initialzündung für das Programm gab im Frühling 2018 die Konferenz «Beyond Change» an der FHNW, an der sich über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Machtstrukturen wie Rassismus, Sexismus und Klasse innerhalb gängiger Designlehren auseinandersetzten. Danach habe man sich Gedanken gemacht, wie diese Aspekte innerhalb des Curriculums an der FHNW thematisiert werden könnten, erzählt Laura Pregger, die das Programm «Imagining Otherwise» zusammen mit Maya Ober betreut. «Viele glauben, dass es sich um rein gesellschaftliche Probleme handle», sagt die Designerin und Dozentin. Doch auch Gestaltende müssten sich mit Genderfragen und Diversität beschäftigen. «Es ist wichtig, über die eigenen Erfahrungen und damit verbundenen Wertvorstellungen zu reflektieren.» Denn diese würden die Gestaltungsideen und -entscheide massgeblich beeinflussen. «Jede Art von Gestaltung ist politisch», stellt Pregger klar. Die beiden Dozentinnen beschäftigen sich mit der Frage, wie die stark verankerten Normen und Regeln zu gutem Design wieder verlernt werden können.

«Mit Liebe und Humor bewegen wir mehr.»


Valentina Kobi, Studentin, Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW

Türen lassen ein – oder schliessen aus

Im Rahmen des Seminars setzten sich die Dozierenden und Studierenden mit dem Campus der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW auseinander. Dabei stellten sie sich die Frage, wie die verschiedenen Bauten die Art der Begegnungen sowie des Lernens und Schaffens prägen, und für welche Menschen sie zugänglich sind. In den älteren Gebäuden sei man zum Beispiel auf grosse und schwere Türen gestossen, welche Personen mit Kinderwagen oder in einem Rollstuhl nicht alleine öffnen können, erklärt Pregger.

Anhand dieser Türen fand Studentin Valentina Kobi denn auch zu ihrem sehr persönlichen Thema. Für eine Woche legte sie all die Dinge, die ihr Zugang zur Hochschule verschaffen, in die eingangs erwähnte Vitrine. Danach musste sie dauernd Mitstudierende um Hilfe bitten: um das Gebäude zu betreten, oder nur um ihren Laptop aufzuladen. «Ich habe ansatzweise erfahren, wie abhängig oder eben ausgeschlossen jemand sich fühlen kann», sagt Kobi. «Es braucht Bildung und eine Aufenthaltsbewilligung, aber auch genügend Geld, um hier studieren zu können», hat die 24-Jährige erkannt. Für Nichtschweizerinnen und -schweizer, sozial oder körperlich Benachteiligte sowie Menschen, die sich um Kinder kümmern, seien die Hürden deutlich höher.

Ob Möbel, Gebäude oder Gebrauchsgegenstände – Design ist immer auch geprägt von Strukturen, Normen und Werten der Designerinnen und Designer. (Bild: Weisswert, Basel)

Gleichzeitig sei ihr erneut bewusst geworden, wie privilegiert und frei sie sei. Mit Mitstudierenden hat sie sich zu einem Kollektiv zusammengeschlossen, das Kunstprojekte zu emanzipatorischen Themen erarbeitet. Eine belehrende oder anklagende Haltung wolle man aber vermeiden, sagt Kobi. «Mit Liebe und Humor bewegen wir mehr.»


Imagining Otherwise – die Auseinandersetzung geht weiter

Das Projekt «Imagining Otherwise» wurde im Rahmen des sogenannten Montagsprogramms entwickelt – ein interdisziplinäres Lehrprogramm des Instituts Ästhetische Praxis und Theorie in Zusammenarbeit mit dem Institut Experimentelle Design- und Medienkulturen der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, das jeweils montags stattfindet. Weitere Mittel stammen vom Projekt Gender und Diversität in Gestaltung und Kunst des Instituts Ästhetische Praxis und Theorie sowie vom Institut Experimentelle Design- und Medienkulturen. Die erste Lehrveranstaltung fand im Frühlingssemester 2019 statt. Daraus entstand eine Ausstellung mit Werken von Studierenden, die im April im Foyer der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW gezeigt wurde. Im Wintersemester 2019/2020 ist ein weiteres Seminar für Studierende geplant sowie eine öffentliche Vorlesungsreihe mit internationalen Referierenden. Initiiert haben das Programm Laura Pregger, Maya Ober, Prof. Dr. Claudia Mareis und Prof. Dr. Jörg Wiesel.