«Die digitale Transformation ist ein Projekt für die Gegenwart»

Prof. Dr. Marc K. Peter leitet das Kompetenzzentrum Digitale Transformation an der FHNW. (Bild: zVg.)

«Die digitale Transformation ist ein Projekt für die Gegenwart»

Drohen kleine und mittlere Unternehmen im Zuge der Digitalisierung unterzugehen? Nein, sagt Marc K. Peter, Experte für die digitale Transformation an der Hochschule für Wirtschaft FHNW. Im Gegenteil sei gerade für KMU der Wandel in die Arbeitswelt 4.0 oft mit viel weniger Aufwand verbunden, als manche denken.


Herr Peter, muss der Bäcker in der «Arbeitswelt 4.0» seine Gipfeli morgens auf Instagram posten?

Ja, das wäre durchaus eine Option. Auch eine Bäckerei muss im digitalen Zeitalter wettbewerbsfähig bleiben. Das kann sie, indem sie sich den neuen Erwartungen der Kundschaft anpasst. Vielleicht würde ich mein Gipfeli und meinen Kaffee auch gerne vorbestellen – oder gleich ins Büro liefern lassen. Doch bei der Arbeitswelt 4.0 geht es nicht nur primär darum, neuen Kundenwünschen zu entsprechen, sondern auch auf die neuen Bedürfnisse der Mitarbeitenden einzugehen und auf die neuen Kommunikationstechnologien zu reagieren – also einer digitalisierten Gesellschaft insgesamt besser zu entsprechen. Diese neue Arbeitswelt muss jedes Unternehmen für sich selbst aktiv gestalten.

Das haben Sie in Ihrer Studie herausgefunden?

Nicht nur. Die Studie zeigt auch, dass die Arbeitswelt 4.0 auf drei zentralen Aspekten beruht: auf Menschen, der Arbeitsumgebung und den Technologien. Das heisst, dass auch die Arbeitsbedingungen angepasst werden müssen. Vielleicht werden die Angestellten, die mir ein Brot verkaufen, künftig mit einem flexiblen Arbeitszeitmodell und neuen Technologien arbeiten.

Ein Online-Gipfeli-Bestelldienst, neue Kommunikationskanäle, die Einführung flexibler Arbeitszeitmodelle – das hört sich nach strategischen Entscheiden an. Heisst das, dass der Bäcker also seine Stelle verliert, weil er durch eine Marketingfachfrau ersetzt wird?

Solche Verschiebungen sind durchaus möglich. Durch die Digitalisierung müssen Prozesse angepasst und teilweise auch automatisiert werden. Und da ist es denkbar, dass eine Bäckerei künftig vermehrt auch Marketingfachkräfte braucht, die sich mit neuen Geschäftsmodellen, den Möglichkeiten von Social Media und einer neuen Art von Kundenorientierung befassen.

«Mitarbeitende sind in der Regel absolut motiviert, wenn es darum geht, ihr Unternehmen attraktiver und fit für die digitale Zukunft zu gestalten.»

Was können Angestellte tun, deren Berufsbilder sich stark verändern oder sogar zu verschwinden drohen?

Die Veränderungen des Jobprofils und der Verlust des Arbeitsplatzes sind ganz klar Risiken. Darum müssen sich Mitarbeitende aktiv Gedanken machen, welches ihre Potenziale sind und wie sie ihre Fähigkeiten erweitern können. Das muss ganz klar auch beispielsweise bei einem Mitarbeitergespräch angesprochen werden.

Sind Unternehmen dafür verantwortlich, dass ihre Mitarbeitenden wettbewerbsfähig bleiben?

Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber müssen ihre soziale Rolle wahrnehmen. Unsere Untersuchung zeigt, dass es im Zuge der Digitalisierung noch viel Potenzial gibt, Mitarbeitende umzuschulen oder für gewisse Bereiche stärker zu trainieren. Gut geschulte und engagierte Mitarbeitende sind sowieso im Interesse der Unternehmen.

Welche Entscheidungen müssen KMU heute ausserdem noch treffen, um in einer digitalen Zukunft Erfolg zu haben?

Die digitale Transformation ist kein Projekt für die Zukunft, sondern eines für die Gegenwart. Oft höre ich, dass eine ganzheitliche Erneuerung eine zu grosse Aufgabe sei. Aber wenn wir als Experten KMU in ihrem Anpassungsprozess begleiten, sehen wir, dass es absolut machbar ist. Darum haben wir in der Studie einen Praxisfahrplan für kleine und mittlere Unternehmen entworfen.

«Diese neue Arbeitswelt muss jedes Unternehmen für sich selbst aktiv gestalten.»

Wie sieht so ein Fahrplan aus?

Zunächst muss in allen Bereichen – intern wie extern – das eigene Entwicklungspotenzial ausgemacht werden. Das kann in Kundengesprächen, Team-Workshops und mit einem Blick auf die Konkurrenz passieren. Typische Fragen sind: Wo hakt es? Wie können uns digitale Technologien unterstützen? Wer so die Potenziale des digitalen Zeitalters identifiziert, kann damit einen Strategieplan erstellen. Das kann mit einem schlichten Poster sein, auf dem ich die nötigen Veränderungen sowie den Weg dorthin darstelle.
Übrigens: Mitarbeitende sind in der Regel absolut motiviert, wenn es darum geht, ihr Unternehmen attraktiver und fit für die digitale Zukunft zu gestalten – und in vielen Fällen ist es dann auch gar nicht so teuer, neue Ideen umzusetzen.

Neues Arbeiten: Digitaler, weniger hierarchisch, und mit mehr Austausch.
(Bild: Unsplash/John Schnobrich)

So einfach scheint es aber doch nicht zu sein. Fast die Hälfte der von Ihnen befragten Unternehmen stehen noch am Anfang des Transformationsprozesses.

Das stimmt. Viele Unternehmen wissen nicht, wo sie ansetzen sollen. Ebenso gibt es in KMU starre Organisationsstrukturen, die kaum Wandel zulassen. Auch ist es für KMU oft keine Priorität, eine neue Arbeitswelt zu schaffen – obwohl sie es sein sollte. Denn nur so können die Unternehmen langfristig innovativ bleiben.

Ist es für kleine und mittlere Unternehmen schwieriger als für grosse, sich einer digitalisierten Gesellschaft anzupassen?

Im Verlauf unserer Studie wurde klar, dass bei grossen wie kleinen Schweizer Unternehmen die Nachfrage nach den von uns erstellten Tools gross ist. So haben sich bereits Führungsteams von kantonalen Verwaltungen bis hin zum Kleinstunternehmen bei uns an der FHNW unterstützen lassen. Aber grosse Unternehmen haben einen einfacheren Zugang zu Strategie- und Projektteams, die geplante Initiativen anführen können. Diesen Luxus haben die oft inhabergeführten KMU in der Regel nicht. Ihnen fehlt die Zeit, sich um diese langfristigen strategischen Belange zu kümmern, weil sie sich eben den ganzen Tag mit kundenorientierten Problemen beschäftigen, um dann am Abend auch noch Offerten zu schreiben. Diesen KMU müssen wir helfen, indem wir aufzeigen, dass auch sie den digitalen Wandel oft mit weniger Aufwand als gedacht angehen können.

Arbeitswelt 4.0.
Als KMU die Arbeitswelt der Zukunft erfolgreich gestalten: Forschungsresultate und Praxisleitfaden

Das Kompetenzzentrum für Digitale Transformation der Hochschule für Wirtschaft FHNW und die Future Work Group haben im Oktober 2019 eine Studie veröffentlicht, die Einblicke in die Veränderung der Schweizer Arbeitswelt gibt und Handlungsmöglichkeiten für Unternehmen aufzeigt. Dafür hat das von Marc K. Peter geleitete Team 1144 Personen mit und ohne Führungskompetenz aufgefordert, das Konzept der Arbeitswelt 4.0 zu definieren und den Fortschritt ihres Unternehmens bei der Digitalisierung zu beurteilen. Basierend auf dieser Befragung haben die Autorinnen und Autoren einen Praxisleitfaden für Unternehmen entwickelt, der konkrete Handlungsanleitungen enthält. Diese neu entwickelten Tools und die Studie selbst sind unter arbeitswelt-zukunft.ch sowie im Buchhandel erhältlich.