«Musik war immer schon eine Weltsprache»

In der Kammermusik münden die individuellen Leistungen der Studierenden in eine gemeinsame Interpretation. (Bild: Martin Chiang)

«Musik war immer schon eine Weltsprache»

An den Musikhochschulen FHNW geht es international zu und her. Denn viele Studierende und Lehrende stammen aus dem Ausland. Welche Phänomene damit verbunden sind, untersucht ein Forschungsprojekt der FHNW und der Universität Basel.

Ob in der Klassik, der Alten und zeitgenössischen Musik oder im Jazz: Internationalität ist in der Musikwelt mehr die Regel als die Ausnahme. Dies gilt nicht nur für die Musikerinnen und Musiker auf Opernbühnen, in Konzertsälen oder Clubs, sondern auch für diejenigen in Ausbildung. Der Anteil internationaler Studierender ist an Musikhochschulen höher als in allen anderen Sparten, so auch in der Schweiz: Rund 60 Prozent der Musikstudierenden haben eine ausländische Staatsangehörigkeit. Zum Vergleich: Von den Medizinstudierenden besitzen nur knapp 20 Prozent keinen Schweizer Pass, in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern beträgt dieser Anteil etwa 30 Prozent. Welche Phänomene mit dieser hochqualifizierten Musikmigration verbunden sind, untersuchen die FHNW und die Universität Basel in einem gemeinsamen Projekt. Über dieses spricht der Soziologe und Projektbeteiligte, Ganga Jey Aratnam, im Interview.


Wieso besitzen die Musikhochschulen FHNW eine solche starke Anziehungskraft bei ausländischen Musikerinnen und Musikern?

Die musikaffine Basler Bevölkerung und die Politik wünschen sich hochstehende Musik. Dafür bedarf es ausserordentlicher Infrastrukturen, die der Stadt am Rhein ein grosses Renommée bescheren. Doch ist die Schweiz schlicht zu klein, um ein dem globalen Potenzial entsprechendes Angebot an Musikerinnen und Musikern aus der eigenen Bevölkerung zu stellen. Dasselbe sehen wir ja auch im Topmanagement oder in der Wissenschaft – auf diesem Niveau braucht es Globalität. Der sogenannte Schwarmeffekt schafft hier Abhilfe.

Was meinen Sie damit genau?

In der Musikszene herrscht eine ausgeprägte Guru-Kultur: Renommierte Hauptfachlehrpersonen ziehen Studierende an. Dies bezeichnen wir als Schwarmeffekt. Und Musiklehrpersonen strecken ihre Tentakel auf der Suche nach Talenten nicht nur in der Schweiz, sondern eben weltweit aus. Auch bieten sie international besuchte Meisterkurse an. Gleichzeitig haben die Musikhochschulen FHNW und vor allem die Schola Cantorum Basiliensis einen Weltruf, der international gehört wird.

«Spitzenleistungen erfordern Globalität.»

Ganga Jey Aratnam, Hochschule für Musik FHNW

Wie finden sich Schweizerinnen und Schweizer in diesem Talentzirkus zurecht?

Anders als in anderen Ländern werden Kinder hierzulande sehr breit gefördert: Sie nehmen Klavierunterricht, daneben turnen sie und gehen in die Pfadi. Auch später während der Matura müssen Schülerinnen und Schüler in naturwissenschaftlichen, sprachlichen, musischen und sportlichen Fächern bestehen. Anders etwa in Osteuropa: Eine Musikstudierende erzählte uns, dass es dort unmöglich sei, Medizin zu studieren, wenn man sich in der Primarschule für Musik entschieden hätte. Denn die Spezialisierung erfolgt derart früh, dass ein künftiger Richtungswechsel schwierig wird. Umgekehrt ist es für viele in der Schweiz schulsozialisierte Personen nicht einfach, den durch ihre breite Bildung bedingten musikalischen Rückstand gegenüber den eher monodisziplinär ausgebildeten internationalen Studierenden aufzuholen.

Schreckt dies Schweizer Musizierende vor einem Musikstudium ab?

Wie dadurch die Studienwahl beeinflusst wird, untersuchen wir derzeit noch. Klar ist, dass das Interesse an der Musikpädagogik steigt, vor allem auch seitens der inländischen Studierenden. Denn die Konkurrenz, um etwa später in einem Orchester mitzuspielen, ist riesig – mit einer musikpädagogischen Ausbildung wird die berufliche Zukunft sicherer. Natürlich kommt es auch vor, dass musikalisch brillante, breit gebildete Einheimische sich für eine Solo-Performance-Karriere entscheiden und obenaus schwingen. Dennoch ist nicht zu unterschätzen, dass die Schweiz auf diesem Niveau ein zu kleines Talentbecken bietet. Spitzenleistungen erfordern – wie gesagt – Globalität.

Zuwanderungsdebatten betreffen auch Musikstudierende. Welche Konsequenzen hätte eine Beschränkung ausländischer Studierender auf die Schweizer Musiklandschaft?

Ich befürchte, unser Land würde zu einer Musikwüste verkommen. Musik war schon immer eine Weltsprache und die internationalen Musikerinnen und Musiker schaffen in Basel eine Musikexzellenz, die unterrichtet und weitergegeben wird. Dies begeistert wiederum viele hier aufgewachsene Personen für die Musik. Damit entwickelt sich Basel zum Musikstandort und bleibt dank internationalen Zugvögeln eine grüne Oase.


Musik und Migration

«War for talents» oder «battle for brain power»: Martialische Begriffe prägen einen Teil der Debatte zu hoch qualifizierter Migration im Wirtschaftsbereich. Nicht nur hieran lässt sich ablesen, dass Mobilitätsphänomenen bisweilen eine existenzielle Dimension zugeschrieben wird. Der Musikbereich ist in besonderem Masse durch «hyper mobility» gekennzeichnet, jedoch in Bezug auf hoch qualifizierte Migration bislang kaum erforscht. Musikhochschulen befinden sich im Spannungsfeld von Tradition und Innovation und sind gleichzeitig Magnet für hoch qualifizierte Studierende aus aller Welt. Damit bieten sie ein einzigartiges Forschungsfeld, um gesellschaftlichen Wandel empirisch zu beschreiben. Das Forschungsprojekt «Musik und Migration» untersucht Interaktionssphären, Veränderungsprozesse und transkulturelle Verflechtungen aus der Perspektive ausländischer Musikstudierender und Absolvierender, der Institutionen und Organisationen im Musikbereich sowie aus Verwaltung und Politik, Wirtschaft, Medien und Forschung. Die Studie soll einen innovativen Beitrag zu einem besseren Verständnis transnationaler Bedingtheit kultureller Praxis leisten. Am Projekt beteiligt sind neben der FHNW das Präsidialamt des Kantons Basel-Stadt, das Sinfonieorchester Basel sowie die Universität Basel.