Haben Roboter Gefühle?

Können Roboter Gefühle haben? So lautet eine der Fragen, mit denen sich die Kinder beschäftigen. (Bild: istock.com/avdeev007)

Haben Roboter Gefühle?

Kinder philosophieren über Mensch und Technik

Fit fürs Philosophieren – sechs Primarschulklassen aus der Deutschschweiz sind es. Sie haben am diesjährigen «Philofit»-Wettbewerb der Pädagogischen Hochschule FHNW teilgenommen und gelernt, wie man argumentiert, diskutiert und debattiert. Das alles floss in eine Projektarbeit mit ein. Wer gewinnt, wird am 26. Juni verkündet.

Es ist Ende Mai – der Abgabetermin steht kurz bevor. Emsig werkeln die Kinder der Primarstufe der Gesamtschule Erlen in Dielsdorf an ihren Roboköpfen aus Pappe, mit denen sie sich als Roboter verkleiden und einen Kurzfilm produzieren werden. Janik bastelt gerade an seinem «Lightning Bot», ein schwarz-silberner Roboter, der als Helfer in der Not den Menschen dient. «Er bringt Medikamente, Kleider, Essen und Trinken», erklärt der Junge. Kein Roboter gleicht dem anderen und keine zwei haben dieselbe Aufgabe. So befinden sich unter der Roboschar auch ein Bodyguard und ein Fluglotse.

«Die Fortschritte in der Gesprächskultur sind auch im Schulalltag deutlich spürbar.»

Andrea Wettstein, Lehrerin

Aber haben Roboter Gefühle? Können sie mit Menschen befreundet sein? Und was braucht es eigentlich für eine Freundschaft? Mit diesen und weiteren Fragen zum Thema «Mensch und Technik» haben sich Kinder aus insgesamt sechs Deutschschweizer Primarschulklassen im Rahmen des Wettbewerbs «Philofit» philosophisch auseinandergesetzt. Auf Grundlage der Diskussionen in den Klassen entwickelten sie eine Projektarbeit, in der sie die Ergebnisse der Gespräche sichtbar machten. Die Klassen, die es auf die drei Gewinnerplätze schaffen, können sich über einen Zustupf ins Klassenkässeli von bis zu 700 Franken freuen.

«Philosophieren hat etwas Lustvolles an sich»

Die Kinder konnten selbst entscheiden, wie sie ihre philosophischen Gespräche verpacken. Was der Jury vorliegt, könnte unterschiedlicher nicht sein – von Theater über Bilderbuch und Spiel bis eben zum Kurzfilm.

Kriterien wie Funktion oder Aussehen der Roboter genügen dabei aber noch nicht, um das Rennen für sich zu entscheiden. Es sollen auch die Fragen, über welche die Kinder philosophiert haben, sichtbar gemacht werden. Im Fall der Gesamtschule Erlen werden die Roboter auch sagen, was sie denken. Um die «Maschinengeschöpfe» zu befragen, wartet Lehrerin Andrea Wettstein eine Etage tiefer auf den ersten Roboter. Sie will für den Film mit jedem Einzelnen ein Interview führen. Als Erster an der Reihe ist Jonas in der Rolle des «Tannenzweig 3.0». «Haben Menschen Gefühle?», will die Lehrerin von ihm wissen. «Ja», antwortet er mit monotoner Stimme und begründet wie auf Knopfdruck: «Weil Menschen ein Herz haben.»

Im Rahmen der Projektarbeit verkleiden sich die Kinder mit selbstgebastelten Roboterköpfen und produzieren einen Kurzfilm. (Bild: Noël Bart)

Seine Antwort ist das Ergebnis monatelangen Philosophierens. «Mit Kindern zu philosophieren hat etwas Lustvolles an sich», sagt Wettstein später, in der Zehnuhrpause. «Das Spannende daran ist, dass sich die Kinder alle mit derselben Frage beschäftigten und doch oft jedes von ihnen andere Gedanken und Meinungen haben kann.» Während des Semesters hätten die Schülerinnen und Schüler eindeutig Fortschritte gemacht – etwa in Bezug auf die Gesprächskultur: Sei dies, indem sie einander zuhören, nachfragen oder die eigene Meinung begründen. «Im Schulalltag ist das deutlich spürbar», sagt die Lehrerin.

«Philosophieren ist wichtig, um sich im Denken und in der Welt orientieren zu können.»

Christoph Buchs, Fachstelle Philosophieren, Pädagogische Hochschule FHNW

Der Wettbewerb Philofit wurde von der Fachstelle Philosophieren mit Kindern der Pädagogischen Hochschule FHNW ins Leben gerufen und zum ersten Mal im Schuljahr 2017/18 durchgeführt. Massgeblich am Programm beteiligt ist Christoph Buchs, Co-Leiter bei der Fachstelle Philosophieren mit Kindern. «Philosophieren ist wichtig, um sich im Denken und in der Welt orientieren zu können», sagt er. Philosophische Fragen, etwa über die Bedeutung von bestimmten Begriffen, zu stellen, fange schon im Kleinkindalter an. «Kinder fragen sich zum Beispiel schon früh, was es heisst, eine Person zu sein.» Das Philosophieren setzt laut Buchs ein bestimmtes Know-how voraus und muss geübt werden. «Die Kinder sollen lernen, ihre Meinungen wahrzunehmen, Fragen zu stellen, darauf mögliche Antworten zu finden und diese in einem gemeinsamen argumentativen Gespräch zu prüfen.»

Mithilfe verschiedener Werkzeuge wie Symbolkarten lernen die Primarschülerinnen und -schüler, über philosophische Fragen zu diskutieren. (Bild: André Albrecht)

Lehrpersonen als Moderatoren

Als Stütze für die Philofit-Gesprächsrunden dienten den teilnehmenden Klassen verschiedene Werkzeuge wie etwa Symbolkarten. Das Brückensymbol beispielsweise signalisiert die Aufforderung, seine Meinung zu begründen. Gemäss Buchs nehmen die Lehrpersonen in den Gesprächen eine doppelte Rolle ein. «Sie sollen den Kindern einerseits moderierend zur Seite stehen und andererseits aktiv dafür sorgen, dass ein Gespräch philosophisch wird und bleibt», sagt er. Laut ihm sollen hier sogenannte Impulsfragen – etwa «wie meinst du das?» oder «hat jemand ein Gegenbeispiel?» – die Kinder zum Gebrauch philosophischer Denkwerkzeuge anregen und ihnen helfen, ihre Gedanken einzuordnen und die erlernten Strategien zu gebrauchen.

«Das Ziel von Philofit ist es, dazuzulernen und die eigenen Fähigkeiten im Nachdenken über philosophische Fragen zu verbessern», sagt Buchs. Sich dabei mit anderen Klassen zu messen, motiviere die Kinder. Im Vordergrund stehe aber nicht der Wettbewerb, sondern das, was die Kinder durch ihre Teilnahme lernen. «Zudem profitieren die Schüler von einer detaillierten Rückmeldung zu ihrem Produkt durch die dreiköpfige Fachjury, bestehend aus einem Fachphilosophen und Erziehungswissenschaftler, einer Kinderphilosophie-Expertin sowie einer Lehrperson», sagt Buchs, «schliesslich ist es dann gar nicht mehr ganz so wichtig, wer gewinnt.»