«Der Jazzcampus ist meine Familie»

«Der Jazzcampus ist meine Familie», sagt Sarah Chaksad, eine der engagiertesten Frauen der Schweizer Jazzszene. (Bild: Fabian von Unwerth)

«Der Jazzcampus ist meine Familie»

Sarah Chaksad ist eine der engagiertesten Frauen der Schweizer Jazzszene: Die 35-Jährige ist Saxofonistin, Komponistin und hat den Club des Jazzcampus der Musikakademie Basel und der FHNW aufgebaut.

FHNW eMagazin: Frau Chaksad, haben Sie einen Lieblings-Jazzmusikerwitz?
Sarah Chaksad: Oh, mir fällt gerade keiner ein.

Kennen Sie den: Was macht eine Jazzmusikerin, wenn sie im Lotto gewonnen hat? Sie spielt weiter Konzerte, bis das Geld aufgebraucht ist. 
Lacht – Der ist nicht schlecht. Obwohl ich ein bisschen Mühe habe mit dem Klischee, dass sich bei Musikern immer alles um die Karriere dreht. Ein Studium, wie ich es an der Hochschule für Musik FHNW absolviert habe, eröffnet extrem viele Möglichkeiten. Nur wenige können rein konzertierend von ihrer eigenen Musik leben, aber das ist ja bei vielen anderen Berufen auch so. Nur weil es Spitzenköche gibt, käme es mir aber trotzdem nicht in den Sinn, einen Koch zu fragen: Wie läuft die Karriere?

Sie selber sind ja viel mehr als nur Saxofonistin.
Ich trete auf, ich komponiere und mache Studioaufnahmen. Ich verdiene aber auch Geld als Betreiberin des Jazzcampus Clubs und neben Wolfgang Muthspiel als Coleiterin des FocusYears, einem hochkarätigen Jazz-Coaching-Programm. Das habe ich meiner Zeit an der FHNW zu verdanken. Da einem das Studium sehr viel Selbstdisziplin abverlangt, lernt man, sich viele verschiedene Kompetenzen anzueignen. Das öffnet viele Türen, etwa im Journalismus oder Kulturmanagement. 

«Der Jazzcampus ist ein wunderbarer Ort, um Musik zu machen, zum Studieren und zum Arbeiten.»

Sarah Chaksad

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?
Das ist sehr unterschiedlich. Früher habe ich viel in der Nacht gearbeitet, weil ich dann meine Ruhe hatte. Im Moment stehe ich früh auf und probiere, bis am Mittag auf nichts von aussen zu reagieren. Aber wenn ich auf Tour bin und um drei Uhr morgens nach Hause komme, kann ich natürlich nicht um sechs Uhr aufstehen. Das Musikerleben ist halt sehr farbig.

Finden Sie bei dem vollen Terminkalender noch Zeit für Kreativität?
Für mich ist Musikmachen ein tägliches Bedürfnis. Ich reserviere mir deshalb jeden Tag Zeit fürs Üben, Spielen und Komponieren. So entsteht auch neue Musik. Natürlich läuft das nicht immer gleich gut. Es gibt Stücke, die habe ich an einem Tag geschrieben, an anderen sitze ich zwei Jahre.

Sie machen immer noch Musik mit Weggefährten aus dem Studium.
Ja, ich habe das «Sarah Chaksad Orchestra» während meines Studiums an der Hochschule für Musik der FHNW gegründet und mit dieser Band auch mein Masterkonzert aufgeführt. Die meisten der fünfzehn Musiker der Originalformation waren Mitstudierende. Jetzt hat sich die Band weiterentwickelt, sie ist internationaler geworden. Doch die Hälfte sind immer noch Freunde vom Studium.

Das «Sarah Chaksad Orchestra» gründete die Künstlerin während ihres Studiums an der Hochschule für Musik FHNW. (Bild: Felix Groteloh)

Auch zum Jazzcampus haben Sie wieder zurückgefunden.
Ich habe noch im alten Gebäude der Hochschule für Musik FHNW studiert und habe pünktlich vor der Einweihung des neuen Jazzcampus abgeschlossen. Trotzdem löst das neue Gebäude, das einmalig ist auf der Welt, Heimatgefühle aus. Meine alten Lehrer und viele andere liebgewonnene Menschen sind da, wir sind eine Familie. Der Jazzcampus ist ein wunderbarer Ort, um Musik zu machen, zum Studieren und zum Arbeiten.

Sie haben den Jazzcampus Club vor vier Jahren aufgebaut. Wie hat er sich entwickelt?
Grossartig! Er ist das Fenster von allem, was im Jazzcampus passiert. Jede Woche finden hier drei Veranstaltungen statt. Es ist auch ein Studierenden-Lokal und somit der perfekte Ort zum Ausprobieren und Präsentieren von Projekten.

Sie setzen sich für Frauen im Jazz ein. Zeigt sich das auch im Clubprogramm?
Ja, natürlich. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass Frauen in der Jazzszene mehr präsent sind. Darum biete ich ihnen eine Plattform. Wichtig ist aber auch, dass Musikerinnen überhaupt in Formationen aufgenommen werden. Ich habe ein reines Frauen-Jazzkollektiv mitgegründet. In meiner Big Band spielen unter anderem eine Trompeterin und eine Schlagzeugerin. Das sollte heutzutage normal sein. Ich finde es eher seltsam, wenn ich im Jahr 2019 eine Big Band sehe, bei der nur Männer auf den Stühlen sitzen.

Das ist aber noch immer die Norm.
Ja, leider. Die meisten bekannten Big Bands in der Schweiz bestehen nur aus Männern, höchstens als Gastsängerin darf mal eine Frau mit auf die Bühne. Eigentlich wäre es für die Bands kein Problem, Musikerinnen aufzunehmen. So könnte man Vorbilder für Mädchen und junge Frauen schaffen. Für meinen Weg war das ein wichtiger Faktor: Meine Mutter ist auch Musikerin, ich fand das cool.

Sie sind in Wohlen aufgewachsen. Im Rest der Schweiz denkt man beim Kanton Aargau eher an DJ Bobo als an Jazz. Wie viel Aargau steckt in Ihrer Musik? 
Lacht – Der Aargau war immer für mich da. Das Kuratorium hat mir mehrere Projekte ermöglicht, die sonst nicht zustande gekommen wären. Insofern ist schon Aargau in meiner Musik drin. Dazu kommen die Menschen. Die Crew vom Sternensaal in Wohlen reist sogar an Konzerte nach Basel, das bedeutet mir immer sehr viel. Was gibt es Schöneres, als wenn man weiss, dass der Ort seiner Wurzeln einem den Rücken stärkt?

Im Oktober erscheint Ihr neues Album. Was dürfen wir erwarten?
Eine Full Big Band aus achtzehn Musikerinnen und Musikern hat Stücke eingespielt, die ich letztes Jahr komponiert habe. Eines der Stücke heisst Mehamn, benannt nach einem Ort im Norden in Norwegen, wo ich auf einer Tournee aufgetreten bin. Eine Musikerin spielt darin ein Ziegenhorn, ein altes norwegisches Volksinstrument. Es wird ein Jazzalbum mit vielen Weltmusik-Einflüssen, ein sehr farbiges Album.