Auf einer Landstrasse sind Autos und ein Velofahrer unterwegs.

Mobilität: Warum Umsteigen schwerfällt

Warum ist das Auto auf dem Land für viele unverzichtbar? Und was braucht es, damit nachhaltige Alternativen attraktiver werden? Ein Forschungsteam der FHNW sucht nach Antworten auf diese Fragen. Dabei zeigt sich: Wer das Verhalten verändern will, muss zuerst die Lebensrealität der Menschen verstehen.

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Velo, Bus, Zug oder Auto? Wie Menschen im Alltag unterwegs sind, lässt sich leicht feststellen. Schwieriger ist es, die Gründe für ihre Verkehrsmittelwahl zu verstehen. Denn diese hängt von zahlreichen Faktoren ab: vom Wohnort, vom Einkommen, von der familiären Situation oder den verfügbaren Verkehrsmitteln. «Aus diesen Rahmenbedingungen entwickeln sich im Zusammenspiel mit individuellen Präferenzen unsere Mobilitätsgewohnheiten», erklärt Prof. Dr. Corinne Moser, Dozentin für Angewandte Psychologie an der FHNW.

Wenn der Durchschnitt täuscht

Wer das Mobilitätsverhalten verändern will, muss deshalb die Lebensumstände der Menschen genauer betrachten. Diesen Ansatz verfolgt Moser gemeinsam mit ihrer Forschungskollegin Julia Kammer und ihrem Forschungskollegen Dr. Matthias Hudecek. In einem dreijährigen, vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekt untersucht das Trio, welche Faktoren nachhaltige Mobilität ausserhalb der Städte fördern oder erschweren. «Forschung rund um nachhaltige Mobilität fokussiert oft auf Städte», erklärt Moser. «Die Mobilität auf dem Land ist viel weniger beforscht. Mit unserem Projekt wollen wir diese Lücke schliessen.»

Dr. Matthias Hudecek, Julia Kammer und Prof. Dr. Corinne Moser im Porträt
Sie untersuchen die Mobilität im ländlichen Raum. Von links: Dr. Matthias Hudecek, Julia Kammer und Prof. Dr. Corinne Moser.

In einem ersten Schritt untersuchte Julia Kammer rund 140 Mobilitätsangebote ausserhalb der Städte und führte 20 Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern der Branche. Parallel dazu analysierte Matthias Hudecek die Daten des Schweizer Mikrozensus Mobilität und Verkehr (MZMV). Dabei stiess er auf eine interessante Erkenntnis: Durchschnittswerte sagen wenig über das individuelle Mobilitätsverhalten aus.

So legt eine Person in der Schweiz gemäss den Erhebungen durchschnittlich rund 30 Kilometer pro Tag zurück. Doch hinter dieser Zahl verbergen sich grosse Unterschiede: Während viele Menschen deutlich kürzere Strecken zurücklegen, sind andere wesentlich länger unterwegs. «Rund 10 Prozent der Bevölkerung sind für mehr als die Hälfte der zurückgelegten Distanzen verantwortlich», erklärt Hudecek.

Auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind weniger eindeutig als vermutet. Zwar legen Menschen in ländlichen Regionen tendenziell längere Strecken zurück, doch ein allgemeingültiges Mobilitätsmuster lässt sich daraus nicht ableiten.

Frau sitzt im Wohnzimmer und denkt über etwas nach.
Die Mobilität ist ein wichtiger Bestandteil unseres Alltags.

Das Leben bestimmt die Mobilität

Um diesen Unterschieden auf den Grund zu gehen, führte das Forschungsteam im Frühling und Sommer 30 biografische Interviews mit Menschen aus unterschiedlich gut erschlossenen Regionen. Dabei untersuchten die Forschenden, wie sich ihre Mobilität im Lauf des Lebens verändert hat.
Besonders aufschlussreich waren sogenannte «Moments of Change»: Lebensereignisse, die Gewohnheiten aufbrechen können.

Ein Umzug, ein neuer Arbeitsplatz oder die Geburt eines Kindes verändern häufig auch die Mobilität. Doch die Folgen sind keineswegs eindeutig. Während die eine Familie ihre Kinder selbstverständlich mit dem Veloanhänger transportiert, ist für eine andere das Auto unverzichtbar, um Beruf und Kinderbetreuung zu vereinbaren. «Durch die biografischen Interviews haben wir festgestellt, dass es häufig sehr gute Gründe gibt, weshalb Menschen ein Auto nutzen», so Moser. Denn oft entscheiden sich Menschen nicht bewusst für einen bestimmten Mobilitätsstil. Sie wählen einen Wohnort, gründen eine Familie oder wechseln den Job. «Dabei passt sich die Mobilität diesen Lebensumständen an», konkludiert die Forschungsleiterin weiter. Genau das mache es schwierig, Gewohnheiten einfach zu verändern.

Mutter schnallt Kind im Autokindersitz an.
 «Moments of Change», also ein neuer Job oder das Gründen einer Familie, können unsere Mobilitätsgewohnheiten ändern.

Lebensqualität statt Klimaschutz

Eine weitere Erkenntnis: Der Klimaschutz spielte in den Gesprächen kaum eine Rolle, wenn Menschen über Veränderungen ihres Mobilitätsverhaltens berichteten. Viel häufiger nannten sie persönliche Vorteile wie mehr Lebensqualität, Gesundheit oder Sicherheit. Wer vom Auto aufs E-Bike umsteigt, tut dies also nicht zwingend aus ökologischer Überzeugung. Vielleicht möchte die Person dem Stau entgehen oder sich mehr bewegen. Für die Forschenden ist das ein wichtiger Hinweis: Nachhaltige Mobilitätsangebote müssen einen konkreten Mehrwert im Alltag schaffen.

Massgeschneiderte Lösungen statt Patentrezepte

Doch nicht nur die Bedürfnisse der Bevölkerung unterscheiden sich. Auch die Voraussetzungen der Gemeinden sind verschieden. Während Städte oft über spezialisierte Fachstellen verfügen, fehlen kleineren Gemeinden häufig Personal und finanzielle Mittel. Umso wichtiger sind engagierte Personen vor Ort, die neue Ideen vorantreiben.

Deshalb werden die Forschenden in einem nächsten Schritt die Perspektiven von Bevölkerung und Mobilitätsanbietern zusammenbringen. In Workshops sollen mögliche Lösungen erarbeitet und anschliessend mit potenziellen Nutzerinnen und Nutzern überprüft werden. Eine Patentlösung für nachhaltige Mobilität auf dem Land wird es aber nicht geben. Entscheidend ist, konkrete Probleme anzugehen: In einer Gemeinde könnte dies der Pendlerverkehr sein, in einer anderen die Erreichbarkeit von Einkaufsmöglichkeiten. Corinne Moser: «Neue Angebote müssen auf die Gegebenheiten vor Ort anwendbar und rentabel sein. Erst dann können sie bestehende Gewohnheiten aufbrechen und nachhaltige Mobilität fördern.»

«Zero Emission» – eines von drei Zukunftsfeldern der FHNW

Im Rahmen ihrer Strategie FHNW 2035 wird die FHNW in den drei Zukunftsfeldern Zero Emission, New Work und Future Health ihre multidisziplinären Kompetenzen in den kommenden Jahren bündeln und ausbauen. Damit möchte sie in den gesellschaftlich relevanten Themenfeldern Arbeit, Gesundheit und Umwelt/Nachhaltigkeit neue Impulse für Lösungen zu aktuellen Problemfeldern der Wirtschaft und Gesellschaft geben.