
Fachärztemangel: Wenn Klinik und Leben kollidieren
Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist für viele Ärztinnen und Ärzte unzureichend. Das zeigen Befragungen in einem Projekt der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW. Das Praxishandbuch zur lebensphasenorientierten Laufbahngestaltung liefert konkrete Massnahmen für Spitäler.
Ein typischer Fall im Spitalalltag: Ein engagierter Arzt, drei Kinder, ein volles Pensum – bis die Belastung zu gross wird. Mit Leidenschaft und hohem Einsatz übt er seinen Beruf aus. Doch nach der Geburt seines dritten Kindes stösst er an seine Grenzen, wenn es darum geht, Beruf und Familie zu vereinbaren. Er reduziert sein Pensum auf 70 Prozent, die richtige Entscheidung für ihn. Seither setzt er klare Grenzen, erlebt weniger Konflikte im Privatleben und geht wieder mit Freude zur Arbeit.
Nachts im Dienst, tags Eltern
Nachtdienst, Kinderbetreuung, pflegebedürftige Eltern, Weiterbildung: Viele Ärztinnen und Ärzte jonglieren täglich mehrere Rollen. 88 Prozent der im FHNW-Projekt Befragten nennen die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben als entscheidend, um langfristig im Spital zu bleiben. Gleichzeitig erleben 53 Prozent diese Vereinbarkeit als nicht oder nur teilweise gegeben. 29 Prozent denken deshalb häufig an einen Ausstieg.
Karriere und Leben vereinbaren
Diese Zahlen verdeutlichen, wie eng Vereinbarkeit und Verbleib im Spital zusammenhängen und weshalb sich der Fachkräftemangel weiter verschärft. Genau hier setzt das Projekt «Lebensphasenorientierte Laufbahngestaltung für Ärztinnen und Ärzte» der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW an. Unter der Leitung von Dr. Janna Küllenberg und Julia Frey werden vielfältige Massnahmen für Spitäler entwickelt, die auf unterschiedliche Lebensphasen von Ärztinnen und Ärzten abgestimmt sind. So erhöhen Spitäler ihre Attraktivität als Arbeitgeber und die medizinische Versorgung wird stabilisiert.

Strukturen plus Arbeitskultur
«Für eine nachhaltige Veränderung braucht es neben strukturellen Anpassungen auch eine geeignete Arbeitskultur, um die Vereinbarkeit der medizinischen Laufbahn mit verschiedenen Lebensphasen zu ermöglichen», sagt Dr. Janna Küllenberg. Gemeinsam mit Julia Frey führte sie im Projekt Befragungen, Interviews und Workshops durch, an denen Ärztinnen und Ärzte sowie HR-Fachpersonen aus sieben Schweizer Spitälern beteiligt waren.
Finanziert wurde das Projekt durch das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann. Die FHNW beteiligte sich finanziell und unterstützte das Team organisatorisch und fachlich. «Die interne Vernetzung und der fachliche Austausch waren für uns besonders wertvoll», so Küllenberg.
Ein Handbuch mit Wirkung
Aus dem Projekt entstand ein Praxishandbuch mit aktuellen Erkenntnissen und Good Practices in drei zentralen Handlungsfeldern: Arbeitsorganisation, Führung und Kooperation. Es zeigt auf, wie sich Laufbahnen lebensphasenorientiert gestalten lassen. Darin werden Entwicklungswege für Ärztinnen und Ärzte etwa neu gedacht. Teams prüfen zudem, wie sie Dienste und die Arbeitslast fair verteilen können. «Ärztinnen und Ärzte profitieren von verlässlicheren Rahmenbedingungen. Organisationen sichern Fachkräfte, Erfahrung und Kontinuität in ihren Teams», sagt Dr. Janna Küllenberg.

Was bei der Umsetzung zählt: 4 Erfolgsfaktoren
Damit die Massnahmen nicht auf dem Papier bleiben, hat das Projekt vier Erfolgsfaktoren identifiziert, die in der Praxis den Unterschied machen. Sie zeigen, worauf Spitäler achten sollten, wenn sie lebensphasenorientierte Laufbahnen der Ärzteschaft verankern wollen.
Die Unterstützung und die aktive Mitwirkung der ärztlichen Führungsebene ist unverzichtbar. Ohne Engagement der Chefärztinnen und Chefärzte gelingen strukturelle Veränderungen nicht.
Interprofessionelle Kooperation ist ein Schlüsselfaktor. Sie ist besonders dort entscheidend, wo Personalplanung, Weiterbildung und klinischer Alltag ineinandergreifen.
Veränderungen benötigen Zeit, Budget und Priorisierung. Nicht zu investieren, führt längerfristig zu deutlich höheren Kosten (etwa durch Fluktuation, Ausfälle oder Rekrutierungsschwierigkeiten).
Massnahmen müssen zum Klinikalltag passen. Pilotierungen in einzelnen Kliniken helfen, Interventionen realistisch zu testen und anschliessend breit auszurollen.

Wie geht es weiter?
Mit dem Nachfolgeprojekt «MedHR-Kompass», das bis Februar 2027 läuft, begleitet ein FHNW-Team Kaderärztinnen, Kaderärzte und HR-Fachpersonen dabei, Laufbahnen und Klinikalltag vereinbarkeitsorientierter zu gestalten. Herzstück ist ein Navigationstool mit Kurzfragebogen und konkreten Handlungsempfehlungen, das in acht weiteren Schweizer Kliniken zum Einsatz kommt. Der Dialog mit Kliniken, Verbänden und Entscheidungstragenden wird damit konsequent weitergeführt.
«Future Health» – eines von drei Zukunftsfeldern der FHNW
Im Rahmen ihrer Strategie FHNW 2035 wird die FHNW in den drei Zukunftsfeldern Future Health, Zero Emission und New Work ihre multidisziplinären Kompetenzen in den kommenden Jahren bündeln und ausbauen. Damit möchte sie in den gesellschaftlich relevanten Themenfeldern Arbeit, Gesundheit sowie Umwelt und Nachhaltigkeit neue Impulse für Lösungen zu aktuellen Problemfeldern der Wirtschaft und der Gesellschaft geben.





