Visualisierung eines Ausstellungsraums mit der Installation «verhör t»: Fünf transparente Stoffbahnen mit Projektionen drauf hängen von der Decke und Besuchende stehen im Raum.

Verhört im Asylverfahren: Worte mit Folgen

Im Schweizer Asylverfahren hat jedes Wort Folgen: Die oft traumatischen Erfahrungen asylsuchender Personen werden erzählt, übersetzt und protokolliert. Die Installation «verhör t» macht sichtbar, wie fragil Verstehen ist, wenn Sprache über die Zukunft eines Menschen entscheidet.

Scroll nach unten
Zurück zur Übersicht

Krieg, Flucht und Trauma sind für viele Menschen keine Schlagzeilen, sondern gelebte Realität. In der Schweiz werden ihre Erfahrungen im Staatssekretariat für Migration (SEM) in Worte gefasst, übersetzt, protokolliert und beurteilt.

Hier setzt das Semesterprojekt von Fabienne Orsinger und Münevver Arslan an. Im Herbstsemester 2025/26 entwickelten die beiden Studentinnen des Bachelor-Studiengangs Innenarchitektur und Szenografie eine audiovisuelle Installation für das Open House der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel der FHNW (HGK Basel).

SEM: Wo Worte über Schicksale entscheiden

In ihrer Projektarbeit «verhör t – verlorene Worte im Schweizer Asylsystem» setzten sich die beiden Studentinnen vertieft mit dem SEM als Raum und den darin agierenden Menschen auseinander. Sie identifizierten fünf zentrale Rollen: Befrager*in, Dolmetscher*in, Asylsuchende*r, Rechtsbeistand und Protokollführer*in.

«Besonders die Rolle der Dolmetscherin hat uns nachhaltig beschäftigt. Ihre Aufgabe bei einer Anhörung ist es, traumatische Geschichten neutral, ohne Mimik und Gestik, zu übersetzen», sagt Fabienne Orsinger. «Viele Aussagen lassen sich jedoch nicht eins zu eins übertragen. Schon kleine Unterschiede in der Übersetzung können die Glaubwürdigkeit einer asylsuchenden Person beeinflussen – und damit über ihre Zukunft entscheiden.»

Das Telefonspiel als Ausgangspunkt

Um Informationsverlust erfahrbar zu machen, griffen die Studentinnen auf ein bekanntes Prinzip zurück: das Telefonspiel. Ein Satz wird dabei flüsternd von Person zu Person weitergegeben und verändert sich unterwegs. «Beim Telefonspiel im Atelier wurde deutlich, wie gross der Informationsverlust selbst bei einfachen Sätzen ist», sagt Münevver Arslan. «Erst im Nachhinein erklärten wir den Bezug zum Asylverfahren im SEM und die eigentliche Aussage des Spiels. Das löste jeweils eine starke Betroffenheit bei den Mitstudierenden und später auch bei den Besuchenden unserer Ausstellung am Open House aus.»

Zwei Personen stehen in einem Ausstellungsraum und blicken in die Kamera. Der Raum dient als Arbeits- und Präsentationsort für ihre Installation.
Fabienne Orsinger und Münevver Arslan haben viel Engagement und Herzblut in ihre Arbeit gesteckt. Das Projekt entstand aus umfangreichen Recherchen, Gesprächen und herausfordernder gestalterischer Arbeit.

Die Installation als Erfahrungsraum

Für das Open House entwickelten die beiden Studentinnen eine audiovisuelle Installation, die das Asylverfahren auch für Aussenstehende erfahrbar macht. Besuchende wurden über eine Moderationsstimme eingeladen, selbst am Telefonspiel teilzunehmen. Gleichzeitig projizierten sie Stimmungsbilder und Detailaufnahmen aus den Räumen des SEM auf fünf Stoffbahnen – jede steht für eine der beteiligten Rollen im Asylverfahren. «Die sich überlappenden Projektionen auf Tüll sind entsprechend der Tischsituation im Anhörungsraum angeordnet und veranschaulichen visuell, was an den einzelnen Stationen ankommt und was verloren geht», fasst Fabienne Orsinger zusammen.

Für die Stoffbahnen wählten die Studentinnen bewusst Tüll. «Das Material ist leicht und transparent», sagt Münevver Arslan. «Die Projektionen wirken dadurch fast schwebend.» Im dunklen Ausstellungsraum entstehen so mehrere Ebenen, während der Stoff selbst beinahe verschwindet – eine Fragilität, die das Thema der verlorenen und verschobenen Bedeutungen visuell aufnimmt.

Eine Person arbeitet an einem Arbeitsmodell mit mehreren transparenten Flächen und kleinen Figuren auf einem Tisch in einem Atelier.
Beim Bau des Arbeitsmodells wird sichtbar, wie viele Faktoren die Wahrnehmung beeinflussen. Räumliche Bedingungen wie ein geschlossener, steriler Raum prägen das Asylverfahren – und damit auch die asylsuchende Person, die vor Ort persönliche und belastende Erfahrungen schildert.

Dodos Geschichte

Die emotionale Fortsetzung der Installation bildet die Geschichte des ehemaligen Asylsuchenden Dodo. Der heute 30‑Jährige ist vor zehn Jahren aus Syrien in die Schweiz geflüchtet und hat selbst eine Anhörung im SEM erlebt. «Bei seiner zweiten Anhörung sprach Dodo besser Deutsch als der Dolmetscher», erzählt Fabienne Orsinger. «Trotzdem musste er auf Arabisch antworten – obwohl er bemerkte, dass seine Aussagen teilweise falsch übersetzt wurden.»

Nach dem spielerischen Einstieg mit dem Telefonspiel und der anschliessenden Einordnung des Bezugs zum SEM wird Dodos Geschichte als Audio erlebbar. Ergänzt wird sie durch eine Triggerwarnung zu Krieg, Verlust und Flucht sowie durch handschriftliche Transkriptionen und visuelle Skizzen auf den Stoffbahnen. Den Studentinnen war wichtig, Dodos Stimme selbst sprechen zu lassen. «Er erzählt bewusst von seinen Erfahrungen im SEM und nicht von seiner Flucht. Wir wollten seine Geschichte nicht ausschlachten, sondern eine Perspektive sichtbar machen, die der Öffentlichkeit sonst verborgen bleibt», sagt Fabienne Orsinger.

Dunkler Ausstellungsraum mit einem Tisch, darauf liegen Unterlagen und ein Arbeitsmodell – daneben hängt eine transparente Stoffbahn mit Projektion.
Am Open House wird die Installation «verhör t» in kompakter Version der Öffentlichkeit gezeigt. Die Ausstellung bildet nach der Schlusspräsentation den Abschluss der Semesterarbeit und macht das Projekt für Besuchende erfahrbar.

Ein Blick hinter verschlossene Türen

Am Open House zeigte sich, wie schnell Informationen verloren gehen – und was das für die Glaubwürdigkeit einer Aussage bedeutet. Ein Teil der Besuchenden reagierte berührt und überrascht. «Viele sagten: Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht», erzählt Münevver Arslan.

Genau hier setzt «verhör t» an: Die Installation macht ein System erfahrbar, das im Alltag kaum sichtbar ist. Sie zeigt, wie fragil Verstehen ist und welche Folgen Missverständnisse haben können. «Wir müssen mit Menschen sprechen, die es direkt betrifft. Für eine Installation wie unsere ist es wichtig, nicht aus der Distanz über sie zu sprechen, sondern gemeinsam mit ihnen zu gestalten», ist Fabienne Orsinger überzeugt.

So öffnet «verhör t» einen Raum für Perspektiven, die sonst verborgen bleiben – und für die Frage, was ein faires Asylverfahren eigentlich braucht.

Das Projekt entstand im Rahmen des Semesterprojekts «Everyone You’re Looking At Is Also You: Demokratie und Trauma – eine Anhörung zwischen Erinnerung und Macht». Fabienne Orsinger und Münevver Arslan entwickelten die Installation über mehrere Monate hinweg: in Workshops, Recherchen und im Austausch mit Zarina Tadjibaeva, einer ehemaligen Dolmetscherin im SEM, und Julia Skof, einer ehemaligen Hilfswerkvertreterin und Protokollführerin im SEM. Deren langjährige Erfahrung im Asylverfahren und in eigenen performativen Projekten prägte die Arbeit wesentlich.

Eine Vorstellung der räumlichen Situation im SEM gewannen die Studentinnen durch den Film «Die Anhörung» von Lisa Gehrig. Darin werden Befragungen mit vier Asylsuchenden auf der Grundlage ihrer eigenen, bereits abgeschlossenen Verfahren in einem nachgebauten Set nachgespielt – mit ehemaligen SEM-Mitarbeitenden, Rechtsbeiständen und Dolmetscher*innen. Denn trotz eines Besuchs vor Ort blieb den Studentinnen der Zugang zu den echten Anhörungsräumen in Bern verwehrt.

Hören und lesen Sie Dodos persönliche Geschichte über seine Erfahrungen im SEM: