
Aus Spannungen wird wieder Zusammenarbeit
Konflikte entstehen selten von einem Tag auf den anderen. Meist beginnen sie leise: mit Unruhe, Missverständnissen und dem Gefühl, nicht gehört zu werden. An der Oberstufe der Kreisschule Chestenberg in Möriken-Wildegg führte genau das zu einer verfahrenen Situation. Dank dem Konfliktcoaching der Pädagogischen Hochschule FHNW wurde der Austausch für eine nachhaltige Zusammenarbeit möglich.
Wenn Konflikte entstehen, kippt selten alles auf einmal. Es ist ein schleichender Prozess: Erst verändern sich Gespräche, dann die Stimmung – bis irgendwann ein ganzes Team in negative Dynamiken geraten kann. Gerade an Schulen, wo viele Menschen eng zusammenarbeiten, bleiben solche Spannungen selten folgenlos.
«Konflikte an Schulen sind häufiger, als man meint», sagt Simone Frey vom Institut Weiterbildung und Beratung der Pädagogischen Hochschule FHNW. Die Konfliktberaterin begleitet Teams, wenn Spannungen eskalieren, und unterstützt sie dabei, wieder ins Gespräch zu kommen.
Am Anfang ist da ein Gefühl
Wie stark ein Konflikt eine Schulleitung und ein Lehrerkollegium belasten kann, zeigte sich an der Oberstufe der Kreisschule Chestenberg in Möriken-Wildegg. Eveline Burkhardt und Tom Sager führten zunächst die Bezirksschule. Mit der Integration der Sekundar- und der Realschule unter ihrer Leitung entstand daraus ein gemeinsames Oberstufenkollegium – ein Change, der unterschiedliche Kulturen und Erwartungen zusammenbrachte. Bereits kurz nach der Zusammenführung spürten die beiden, dass etwas nicht stimmte. «Da war dieses Gefühl, dass etwas Unausgesprochenes in der Luft liegt», sagen sie rückblickend.
Ihre Bemühungen, die Stimmung aufzufangen, blieben fruchtlos. Stattdessen bildeten sich Gruppen und die Fronten verhärteten sich. Für Burkhardt und Sager, die beide jahrelange Erfahrung in der Schulleitung mitbringen, ein zunehmender Stressfaktor. «Irgendwann fängst du an, an den eigenen Kompetenzen zu zweifeln.»

Führungswechsel bergen Konfliktpotenzial
Zum finalen Bruch kam es, als die Verabschiedung einer Lehrerkollegin heimlich abgehalten wurde. «Damit war das Vertrauen komplett weg», sagt Eveline Burkhardt. Sie und Tom Sager realisierten: «Wir sind zu fest im Konflikt drin, um ihn selbst lösen zu können.»
Dank eines Tipps der Schulaufsicht wurde die Schulleitung auf das Konfliktberatungsangebot der FHNW aufmerksam. Nach der Kontaktaufnahme folgte innert weniger Tage ein erster Austausch. Eveline Burkhardt: «Dass die externe Unterstützung so rasch organisiert wurde, war eine grosse Entlastung.»
Neue Führung kann Konflikte bringen
«Wo Erwartungen enttäuscht und Missverständnisse nicht geklärt werden, entstehen schnell Lager und Zuschreibungen», sagt Simone Frey, Konfliktberaterin der PH FHNW. Gerade bei Führungswechseln sei dies häufig zu beobachten.
So auch an der Oberstufe der Kreisschule Chestenberg: Die vorherige Leiterin der Real- und der Sekundarschule hatte die Schule fast 30 Jahre lang mit einem direkten und regelnden Führungsstil geleitet, die neue Co-Schulleitung setzte dagegen auf Einbezug und gemeinsame Entscheidungen. «Hier gehen die Vorstellungen von Führen und Geführt-Werden zu sehr auseinander», sagt Frey.

Konfliktcoachings der FHNW beginnen mit einem ausführlichen Vorgespräch mit der Leitung. Dabei wird geklärt, worin der Konflikt besteht, wer beteiligt ist, welche Dynamiken bereits sichtbar sind und was bisher unternommen wurde. Wichtig ist, dass die Führung im Prozess eingebunden ist.
Es folgt ein ganzer Coachingtag mit den Beteiligten. Im Zentrum steht zunächst, die individuellen Belastungen, Vorwürfe und Unausgesprochenes offen anzusprechen. Danach werden die unterschiedlichen Sichtweisen in einem Dialog miteinander in Bezug gesetzt und in einem nächsten Schritt konkrete Lösungen erarbeitet. Denn der Dialog ist das Herzstück einer Konfliktberatung.
Ungefähr eine Woche später folgt ein Debriefing mit der Leitung. Dabei wird geprüft, wie der Tag im Nachklang gewirkt hat, welche kleinen Massnahmen schon greifen, welche Lösungsschritte als Nächstes angegangen werden und wo allenfalls weiterer Unterstützungsbedarf besteht. Ziel des Konfliktcoachings ist es, festgefahrene Dynamiken zu klären, gegenseitiges Verständnis zu fördern und tragfähige nächste Schritte zu entwickeln.
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Verhalten nicht verurteilen
Nach einem Vorgespräch erhielt am Coachingtag auch das Lehrerkollegium Raum, eigene Wahrnehmungen und Kritik anzusprechen. Für Simone Frey ist der Dialog darüber oft der Wendepunkt: «Die Konfliktparteien begegnen sich auf menschlicher Ebene und können sagen, was sie beschäftigt.»
Ziel des Konfliktcoachings ist es, festgefahrene Dynamiken zu klären, gegenseitiges Verständnis zu fördern und tragfähige nächste Schritte zu entwickeln. «Ist ein Konflikt weit fortgeschritten, sind alle Beteiligten Teil der Dynamik geworden», sagt Frey. Externe Hilfe kann dabei unterstützen, Brücken zu den Wahrnehmungen des Gegenübers zu bauen. «Wichtig ist, allen Verhaltensweisen mit Offenheit und Ernsthaftigkeit und nicht mit Verurteilung zu begegnen.» Erst wenn Belastungen von allen Seiten offen angesprochen würden, könnten tragfähige Lösungen entstehen.
Wieder ins Gespräch kommen
Im Fall der Kreisschule Chestenberg zeigte sich: Für einen Teil des Lehrerkollegiums waren die Führungspersonen zu wenig präsent, was zu Unmut führte. «Für uns überraschend», gibt Tom Sager zu. «Aber auch eine wichtige Erkenntnis, um über unser Verhalten nachzudenken und mit Anpassungen unseren Kolleginnen und Kollegen zu beweisen, dass uns ein gutes Klima wichtig ist.»
Vereinbarte Massnahmen – etwa mehr Präsenz der Schulleitung im Alltag – helfen, wieder Vertrauen aufzubauen. «Sich mit professioneller Hilfe aus dieser Dynamik zu lösen, war extrem wertvoll», sagen Burkhardt und Sager. «Am Ende war wieder so viel Leichtigkeit zwischen uns allen. Das war berührend.»

Konfliktkultur als Schlüssel für Schule und Führung
Das Konfliktcoaching der PH FHNW wurde 2024 lanciert und seither ausgebaut. Neu bietet die Pädagogische Hochschule FHNW den CAS Konfliktcoaching an Schulen sowie weitere Angebote und Ausbildungsmöglichkeiten für Lehrpersonen und Schulleitende an. «Der schnelle Ausbau des Angebots kommt aus der grossen Resonanz auf diese Themen», sagt Simone Frey.
Bildnachweis Titelbild: Timo Orubolo





