Statue von Giuseppe Tartini vor einem historischen Gebäude in der slowenischen Stadt Piran

Mehr als ein Komponist

Er prägte Europas Musiklandschaft des 18. Jahrhunderts und machte Padua zu einer kulturellen Metropole: Ein internationales Forschungsprojekt mit Beteiligung der Hochschule für Musik Basel FHNW untersucht das pädagogische Wirken von Giuseppe Tartini.

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«Terzo suono» – oder auf Deutsch: der dritte Ton. So nennt man das akustische Phänomen, wenn das menschliche Ohr beim gleichzeitigen Klang von zwei Tönen einen tieferen dritten Ton wahrnimmt. Entdeckt hat es Giuseppe Tartini im Jahr 1714. Deshalb spricht man in diesem Zusammenhang auch von den Tartini-Tönen. Damit schuf sich der Italiener später einen Namen in den Musikgeschichtsbüchern.  

Doch Tartini war nicht nur ein Musiktheoretiker und Komponist – bekannt etwa für die «Teufelstriller-Sonate» –, sondern auch ein renommierter Musiklehrer. «Sein Unterricht beruhte auf einem umfassenden musikalischen System, das Technik, Komposition, Ausdruck und Musiktheorie miteinander verbindet», sagt Agnese Pavanello, Dozentin für Musikgeschichte an der Hochschule für Musik Basel FHNW. «Seine Pädagogik zielte darauf, musikalischen Ausdruck und die Darstellung auf eine Grundlage zu stellen, die er als naturgegeben verstanden hat.» Für ihn war Musik also nicht nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern sollte einer inneren Ordnung von Klang und Harmonie folgen.

Handgeschriebene Notenzeichen auf einem Notenblatt in Nahaufnahme.
Einblicke in das Schaffen Giuseppe Tartinis: Das von ihm selbst beschriftete Notenblatt zeugt von seinem Einfluss als Komponist, Musiktheoretiker, Violinvirtuose und Pädagoge in ganz Europa.

Die Tartini-Schule als Qualitätssiegel

1721 wurde Giuseppe Tartini als Violinist und Orchesterleiter in Padua angestellt. Nach seiner Rückkehr von einem dreijährigen Aufenthalt in Prag entwickelte er in Padua eine eigene Schule, die bald viele Musiker aus ganz Europa anzog. «Das war jedoch keine formell gegründete Institution, sondern eine Einrichtung, die sich allmählich entwickelte», erklärt Agnese Pavanello. «Tartinis aussergewöhnlicher Ruf als Geigenvirtuose wie auch als Lehrer spielte dabei eine zentrale Rolle.»

So entstand im Laufe der Jahre ein europaweites Netzwerk aus Musikern, die Padua zu einer Art heimlichem Musikpilgerort machten. Ein Studium bei Tartini galt als Qualitätssiegel und erhöhte die Chancen auf eine erfolgreiche Karriere. Dank ihrer internationalen Ausstrahlung ist Tartinis Schule heute auch unter dem Namen «Scuola delle Nazioni» bekannt – wobei sich dieser Name erst in späteren Jahren etablierte.

Internationales Projekt will Forschungslücke schliessen

Trotz des grossen damaligen Renommees der Schule ist Tartinis Pädagogik bis heute wenig erforscht. So ist beispielsweise nur wenig bekannt darüber, wie genau das musikalische Wissen zu dieser Zeit vermittelt wurde und welche Rolle Tartinis Schule dabei spielte. Diese Lücke zu schliessen, hat sich ein internationales Forschungsprojekt zum Ziel gesetzt, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mitarbeiten.

In einer digitalen Plattform soll Tartinis Wirken als Lehrer stärker sichtbar werden. «Wir untersuchen Tartinis Schule nicht nur als pädagogische Einrichtung, sondern als europäisches Netzwerk», so Agnese Pavanello. «Daran beteiligt waren Lehrer, Schüler, Mäzene, Drucker, Kopisten und weitere Akteure, die gemeinsam zur Verbreitung musikalischer Kenntnisse beitrugen.» Während ein Fachteam der Universität Graz eine Datenbank mit Informationen zu Personen wie auch musikalischen Werken erfasst, katalogisiert ein Team der Universität Augsburg musikalische Quellen, Handschriften und Drucke aus Tartinis Schule. In Basel schliesslich arbeiten Pavanello und ihr Team an der digitalen Edition von Schriften und Lehrmaterialien.

Agnese Pavanello und Cristina Cassia an einem Schreibtisch mit Laptop und Dokumenten.
Für ihre Quellenforschung reisen Agnese Pavanello (hinten) und ihre Kollegin Cristina Cassia von der Hochschule für Musik Basel FHNW an verschiedene Forschungsorte – hier beispielsweise an die Universität Berkeley in Kalifornien.

Neue Quellen entdeckt

«Das ist eine sehr anspruchsvolle Arbeit, weil wir ein kleines Team sind und sehr viel Material zu bearbeiten haben», sagt Agnese Pavanello. Im Fokus stehen dabei laut Pavanello nicht nur bereits bekannte Texte zu Violintechnik und Ornamentik, sondern auch Quellen zur Kompositionslehre, die bisher kaum oder nicht untersucht wurden. «Zudem haben wir auch neue Quellen entdeckt, durch die erstmals systematisch sichtbar wird, wie Tartini sein kompositorisches Denken vermittelte.»

Die Arbeit mit den Quellen erfordert eine philologisch sehr genaue Herangehensweise: von der Datierung bis zur Identifizierung der Handschrift einzelner Kopisten. «Das klingt wie ein Detail», sagt Pavanello. «Für uns aber ist es wichtig, weil wir dadurch historische Zusammenhänge rekonstruieren können: etwa Besitzverhältnisse, Überlieferungswege oder Beziehungen zwischen Quellen und ihren Besitzern.»

Handgeschriebene Kadenzen auf einem alten Notenblatt.
Bei der Arbeit mit den Quellen ist es nicht nur wichtig, sie zu datieren, sondern auch, sie einem Kopisten zuzuordnen. Dies ermöglicht es dem Forschungsteam, historische Zusammenhänge zu rekonstruieren. Hier im Bild: Kadenzen aus einer Quelle in Berkeley.

Nicht nur Musiker, sondern auch Denker

Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit ist Agnese Pavanello schon an verschiedene Orte gereist – auch mehrmals nach Padua, auf den Spuren der Musikschaffenden vor rund 300 Jahren. «Es gibt immer wieder Neues zu entdecken», sagt sie. «Und je mehr Quellen wir erschliessen, desto deutlicher wird, dass diese Schule mehr als ein Ausbildungsort war: Sie war ein europaweit vernetztes Zentrum musikalischer Exzellenz.»

Pavanello selbst zeigt sich auch persönlich fasziniert von Tartini, nicht nur von seiner pädagogischen Tätigkeit, sondern auch als Mensch und Komponist. «In allem, was er tat, hat er immer nach einer Form der Wahrheit gesucht», sagt sie. «So war er nicht nur ein grosser Musiker, sondern auch ein Denker, der nach seinem Tod sogar als Philosoph beschrieben wurde.» Mit ihrer Arbeit trägt sie mit ihren Forschungskolleginnen und -kollegen dazu bei, dass der Name Tartini künftig mehr als nur ein Begriff in den Musiktheoriebüchern ist.

Porträt von Agnese Pavanello
«Tartini war nicht nur ein grosser Musiker, sondern auch ein Denker, der in allem, was er tat, die Wahrheit suchte.»
Agnese Pavanello, Professorin und Dozentin an der Hochschule für Musik Basel FHNW